What We Don’t Say Roman von Lilith Raven
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Evelyn Parkers Leben ist ein Museum aus Schweigen. In Seattle führt sie eine Ehe, die nur noch auf dem Papier existiert. Während ihr Mann Teddy sie wie ein Möbelstück behandelt, flüchtet Evelyn sich in ihren anonymen Blog. Nur dort wagt sie als ›Lynn‹ die Wahrheit über ihre Einsamkeit auszusprechen.
Auf der Suche nach einem Funken Leben verliert sie sich im ›Nocturne‹. In der Anonymität des Maskenclubs begegnet sie Nikolai, dessen Berührung ihre Mauern zum Einsturz bringt. Doch zeitgleich schleicht sich eine andere Stimme in ihr Herz: Noah, der Host eines Podcasts, der Evelyns Zeilen besser versteht als jeder andere.
Evelyn ahnt nicht, dass Wahrheit und Maskerade längst unauflöslich verwoben sind ...
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Leseprobe
Der Regen in Seattle kam noch, bevor ich wach wurde. Ich höre ihn zuerst an der Fensterscheibe, dann auf dem Dach, dann in mir.
Teddy ist schon weg. Seine Seite des Bettes ist glatt, das Kissen kaum zerknittert. So, als hätte er gar nicht geschlafen, nur gelegen, kurz, um die Nacht zu zählen.
Ich strecke mich, lausche in die Stille, stehe schließlich auf. Die Treppe hinunter, Holz unter nackten Füßen, und da wartet schon Bella. Meine Louisiana Catahoula, meine kleine Wärmflasche mit Fell und blauen Augen, die mich jedes Mal ansieht, als wäre alles gut in der Welt.
Ich beuge mich zu ihr, streiche über ihr nasses Fell – sie war wohl schon kurz im Garten – und murmle ein ›Guten Morgen‹, das mehr Routine als Gefühl ist.
In der Küche riecht es nach Kaffee, nach gestern. Teddy hat, wie immer, meine Tasse unter die Maschine gestellt. Er tut das jeden Morgen. Ich drücke nur noch auf den Knopf, höre das vertraute Röcheln, das Klacken, dann das Gurgeln, das langsam in Stille übergeht. Alles wie immer. Alles Gewohnheit.
Der Garten liegt hinter den Glasfronten, grau und nass. Die Tropfen rinnen gleichmäßig an der Scheibe hinab, als hätten sie einen Plan. Ich nehme die Tasse, halte sie an die Lippen, der erste Schluck ist immer zu heiß. Bella sitzt schon neben mir, die innere Uhr meiner Tage.
»Ich weiß, ich weiß«, sage ich leise und ziehe mir die Jacke über.
Draußen riecht die Welt nach Regen und Erde. Der Park ist fast leer, nur ein paar Eltern, die ihre Kinder zum Schulbus bringen. Ich lächle, nicke, tausche Worte, die nichts bedeuten: Wie schön der Regen heute wieder ist. Dann sehe ich, wie die Kinder in den Bus steigen, Rucksäcke, kleine Hände, Lachen, und da ist er wieder, dieser Stich. Kurz, scharf, vertraut. Ich atme tief ein, tue so, als wäre es nur die Kälte.
Bella zieht an der Leine, will weiter. Ich lasse sie. Es ist leichter, sich von einem Hund führen zu lassen als vom eigenen Leben.
Nach zwanzig Minuten sind wir wieder zu Hause. Bella rutscht mit den nassen Pfoten über den Holzboden, direkt zu ihrem Napf, als wäre der Weg dorthin eine tägliche Pflicht. Ich hänge die Jacke an die Garderobe, streife die Schuhe ab und seufze. Der Kaffee auf der Kücheninsel ist längst kalt.
Ich sehe mich um. Ein Tag wie jeder andere. Die Uhr tickt, die Welt dreht sich, und nichts daran braucht mich wirklich. Ich greife nach meinem Handy, tippe dieselbe Nachricht wie jeden Morgen: Bin wach. Hoffe, du hast einen guten Tag.
Ich weiß, dass es Stunden dauern wird, bis er antwortet. Vielleicht kommt ein Herz-Emoji, vielleicht ein kurzes »Bin im Meeting«. Mehr braucht es ja angeblich nicht, um verbunden zu bleiben.
Ich könnte aufräumen. Aber es gibt nichts aufzuräumen. Alles ist an seinem Platz, so wie wir es wollten. So wie ich es hasse.
Ich stütze mich auf den Unterarmen auf dem Küchentresen ab, sehe hinaus in den Garten. Der Regen fällt gleichmäßig, geduldig, als würde er warten, bis ich wieder atmen kann. Vielleicht schreibe ich heute etwas, denke ich. Dann verwerfe ich den Gedanken wieder. Worüber denn? Über die perfekte Ehe, die irgendwie keine ist? Über das Dasein als moderne Hausfrau mit WLAN und leeren Händen? Über Frauen, die gelernt haben, ihre Enttäuschung in Dankbarkeit zu verpacken? Wahrscheinlich würde das niemand lesen. Vielleicht sollte es auch niemand lesen.
Ich gehe nach oben, der Flur still wie ein Museum. Vor der Tür neben dem Schlafzimmer bleibe ich stehen. Heute ist wieder einer dieser Tage. Die schlimmen. Die, an denen die Luft dünner wird.
Ich öffne die Tür trotzdem.
Das Zimmer ist leer. Weiß gestrichen, hell, fast freundlich. Ein leeres Zimmer, das einmal Hoffnung war. Ein Raum, der mich gleichzeitig tröstet und foltert. Ich bleibe in der Tür stehen, einen Moment zu lang. Dann schließe ich sie wieder, leise, wie man eine Wunde zudeckt.
Am Ende des Flurs liegt mein Büro – kleiner, enger, sicherer. Ein Schreibtisch, ein Laptop, Notizen an der Wand. Ich setze mich, klappe den Laptop auf, warte auf das vertraute Aufleuchten des Bildschirms. Das Brummen des Geräts klingt lauter, als es sollte. Ich lehne mich zurück und atme aus. Ich liebe das Schreiben. Aber heute ist mein Kopf leer. Oder vielleicht einfach zu voll.
Ich starre lange auf den Bildschirm, bis aus Weiß eine Wand wird. Dann öffne ich, fast automatisch, die Seite meines Blogs. Zwischen den Zeilen. Login: Lynn. Die Version von mir, die spricht, wenn ich es nicht kann.
Das Passwort fällt mir erst beim dritten Versuch ein. Ich öffne eine neue Seite, sehe die weiße Fläche, den blinkenden Cursor und fühle mich ertappt. Wie oft habe ich hier gesessen, geglaubt, Worte könnten retten, was Leben zerstört?
Wochenlang habe ich nichts geschrieben. Die letzten Wochen waren zu viel. Die endgültige Diagnose: PCO-Syndrom. Die Worte der Ärztin: »Es wird sehr schwer, auf natürlichem Wege schwanger zu werden. Aber nicht unmöglich.« Das war ihr Trost, ein medizinisches Vielleicht, das Hoffnung nur noch grausamer macht. Nicht einmal die Besuche in der Kinderwunschklinik haben etwas gebracht. Immer dieselben ernüchternden Sätze, dieselben freundlichen Hände, dieselben Broschüren, die aussehen, als könnten sie Hoffnung laminieren. Immer der gleiche Kreislauf: Blutabnahme, Ultraschall, Tabletten, Hoffen, Warten. Dann wieder diese ernüchternden Sätze: »Leider hat es diesmal nicht geklappt.« Worte, die klingen, als wären sie Routine. Für sie vielleicht. Für mich war es jedes Mal ein Abschied von etwas, das nie existiert hat.
Ich hatte Teddy vorgeschlagen, über Adoption nachzudenken. Er hatte abgewunken. Es sei okay, keine Kinder zu haben. Wir könnten reisen. Ja. Reisen. Wenn er Zeit hätte.
Ich atme ein, lege die Finger auf die Tastatur, als würde ich einen Puls suchen. Die Überschrift tippt sich schneller, als ich denken kann: Warum es nicht okay ist. Und dann schreibe ich, als müsste ich mir selbst beweisen, dass mein Herz noch Buchstaben schlägt.